Samstag, 16. Februar 2013

Amazon: Nur die sichtbare Spitze des neoliberalen Eisbergs

Derzeit jagt mal wieder eine Empörungswelle die nächste. Dass billiges Supermarktfleisch aus übelster Massentierhaltung stammen muss und permanent fehldeklariert wird, sollte inzwischen Gemeingut sein; da kann doch der Nachweis von Pferdefleisch niemanden ernsthaft überraschen. Und dass die Arbeitsverhältnisse der Working Poor nicht nur in den USA, sondern auch in Europa und in Deutschland jeder Beschreibung spotten und mit sozialer Marktwirtschaft genauswenig gemein haben wie die danach benannte, neoliberale Lobbyorgansiation, sollte sich inzwischen auch herumgesprochen haben.

Nun hat also die halbstündige Dokumentation „Ausgeliefert! Leiharbeiter bei Amazon“ vom 13. Februar über die ausbeuterischen Arbeitsverhältnisse europäischer Zeit- und LeiharbeiterInnen im letzten Weihnachtsgeschäft von Amazon Deutschland (die man sich in der Mediathek der ARD anschauen kann) für allgemeine Aufregung und Skandalsisierung nebst allerlei Boykottaufrufen gesorgt. Die Liebste und ich haben lange darüber diskutiert und sind uns in der Sache einig. 

Zwar halte ich die Kritik und Empörung in der Sache für berechtigt, aber auch für erschreckend blauäugig. Neben den im Film geschilderten, miesen Arbeits- und Lebensbedingungen der LeiharbeiterInnen (Lohndumping, Rechtlosigkeit, Überwachung durch einen faschistoiden Sicherheitsdienst) schockiert die politische oder besser: apolitische Naivität der AutorInnen mindestens so sehr. Und ich werde den Eindruck nicht los, dass Medienschaffende und das Gros ihres Publikums längst so weit von der sozialen Realität in diesem Lande entfernt sind, dass sie Zustände (nur) im vermeintlichen Einzelfall skandalisieren, die ansonsten gang und gäbe sind (z.B. verlangt die Zumutbarkeitsregel für Arbeitslose tägliche Fahrtzeiten von zweieinhalb Stunden, die mit dem ÖPNV zurückgelegt, heftiger sind als das, was den Leiharbeitern mit den Zubringerbussen zugemutet wird). Der Skandal als Ventil, um Dampf abzulassen und sich ein gutes Gewissen zu verschaffen.

Das Problem ist in meinen Augen nicht Amazon, sondern eine Gesetzgebung, die schon unter Rot-Grün den Arbeitsmarkt dereguliert und Leiharbeit exzessiv ausgeweitet hat, eine Politik, die Arbeitnehmerrechte systematisch beschneidet, angemessene Mindestlöhne verhindert und Firmen wie Amazon steuerlich begünstigt. Deutschland hat mit den Reallohnreduzierungen auf der einen und Steuersenkungen auf der anderen Seite sowie den anhaltenden Exportüberschüssen der letzten Jahrzehnte einen Teil seiner Arbeitslosigkeit in den Süden und Osten Europas ausgelagert und profitiert nun von den dortigen, billigen Wanderarbeitern massiv (man muss sich nur die häusliche Pflege oder die Gastronomie anschauen). Da braucht sich niemand über die Arbeitsrealität bei Amazon zu wundern. Die ist politisch gewollt und vom Wähler so abgenickt.

Deshalb halte ich auch einen Verbraucherboykott für wenig sinnvoll, zumal da die Arbeitsbedingungen in den Logistikunternehmen, die das Geschäft dann übernehmen, kaum besser sein dürften. So simple Dinge wie gewerkschaftliche Unterstützungsarbeit (z.B. als Amazon-Kunde überhaupt einer Gewerkschaft anzugehören), die politischen Vertreter in die Pflicht zu nehmen und bei Wahlen sein Kreuz an der richtigen Stelle zu machen, wären schon einmal ein Anfang (da sich die Systemfrage, die ohnehin ein Totschlagargument ist, auf absehbare Zeit erledigt hat).

Kommentare:

kid37 hat gesagt…

Ich war über die Empörungswelle, die sich jetzt im bequemen Anklicken von ePetitionen erschöpft, auch ein wenig erstaunt. Auch Verdi arugmentiert ja klar gegen einen Boykott und für (bessere) Tarifverträge. Auch mir stößt auf, daß in meinem Umfeld (auch unter Bloggern) nur wenige in eine Gewerkschaft oder im Fall des Falles auf die Straße gehen. (Und in zwei Wochen kommt eh der nächste Aufreger.)

ulfur grai hat gesagt…

Ich habe mir erlaubt, in meinem Blog auf Ihren Eintrag hier hinzuweisen, weil ich meine, daß er im Amazon-Skandal den Finger ganz richtig auf ein paar wunde Punkte zu legen scheint.

ulfur grai hat gesagt…

Zu dumm bzw. zu früh abgeschickt; fehlte noch der Link:
http://periplus.blogger.de/stories/2212928/

Sunshine hat gesagt…

Also bei Amazon kann man dann weiter kaufen, aber bei Apple nicht? Interessant wenn man ueberlegt welcher 'boycott' sich fuers persoenliche Leben am schwierigsten ausweisen wuerde - aber sicher sehe ich da die subtilen unterschiede nicht......ich habe ja night Ihren hohen IQ!!!